Was ist “Autismgender” oder “Autigender”?

"Autismgender" oder auch "Autigender" sind unwissenschaftliche, ideologische Konzepte, die Autismus und die Bedürfnisse echter Autisten, auch die genderqueerer Autisten, relativieren. Autismus ist genetisch bedingt und keine Identität, die man sich nach Belieben überstülpt.

Den Begriffen “Autigender” und “Autismgender” begegnet man vor allem auf Twitter und Tumblr im Umfeld einiger weniger Selbstdiagnostizierter Autist*innen und der Genderqueer- / Nonbinary-Bewegung. Beschrieben wird es als “a gender which can only be understood in the context of being autistic” (zu deutsch: ein Gender, das nur als Autist*in verstanden werden kann).

Während wissenschaftlicher Konsens über den Umstand herrscht, dass es unter Autist*innen ein erhöhtes Aufkommen von Gender Dysphoria gibt (engl. für Geschlechter-Identitätsstörung: Wenn Menschen sich nicht mit ihrem biologischen Geschlecht identifizieren oder mit keinem der gesellschaftlich priorisierten Gender Mann und Frau), ist Autismus eine neurologische Diversität mit genetischer Ursache, die unabhängig von Geschlechtern vorkommt. Es gibt keinen Beleg dafür, dass Autismus für die Gender Dysphoria verantwortlich ist.

Den Ursprung des Begriffs “Autismgender” beschreiben wir unten ausführlich. Mittlerweile wird er leider häufig synonym für das Gefühl verwendet, dass man auch ohne Diagnose manchmal Autist*in ist oder sich eben weder als Mann noch Frau, sondern als Autist*in fühlt (häufig, ohne diagnostiziert zu sein).

Autismus ist – anders als Gender – kein soziales Konstrukt, sondern pränatalen, biologischen Ursprungs (siehe auch Was ist die Ursache von Autismus?). Kurz: Autismus ist kein Geschlecht, sondern ein eigenes Spektrum.

Und während nachvollziehbarer Weise viele neurotypische (nicht-autistische) Menschen mit einzelnen autistischen Merkmalen empathisieren, kann man als nicht- oder selbstdiagnostizierte Autist*in genauso wenig einen Autismus-Gender oder eine Autismus-Identität für sich beanspruchen, wie weiße Menschen behaupten können, schwarz zu sein – egal, wie viel RnB, Soul oder Hip Hop sie hören. Oder anders: Gibt es auch Blinden-Gender? Down Syndrom-Gender?

Es ist verständlich, dass Menschen nach Erklärungen und Identitäten jenseits des binären Mainstreams suchen. Es ist aber in keiner Weise zu tolerieren, dass im selben Atemzug psychische Diagnosen mit ernsthaften Implikationen für die Betroffenen ideologisch instrumentalisiert werden.

Wer Autismus derart missbraucht, relativiert und invalidiert die Situation Betroffener.

Gender und Autismus

Tatsächlich ist das Thema Gender und Autismus durchaus komplex. So wurde Nonbinary.org zu Folge der Begriff autismgender ursprünglich von einer nicht-binären Autistin ins Leben gerufen und bezog sich ausschließlich auf Autistinnen mit einer Geschlechter Identitätsstörung (engl. Gender Dysphoria), die einen Zusammenhang mit ihrem Autismus sahen. Leider wurde diese Begrifflichkeit bald verwässert und genau wie “Autism Identity” zu einem schwammigen Begriff für tagesaktuelle Befindlichkeiten unter Twitterern und Tumblern.

Die Motivation hinter dem Ursprung ist aber verständlich und bereits Gegenstand wissenschaftlicher Forschung. So gibt es Erkenntnisse über ein erhöhtes Aufkommen von Gender Dysphoria unter Jugendlichen im Autismus-Spektrum. Sprich: Die statistische Signifikanz, dass Autismus und eine Geschlechter-Identitätsstörung häufig zusammen auftreten, ist gegeben. Nicht erwiesen ist eine Kausalität oder ob eines eine Komorbidität des anderen ist. In der Tat kritisieren manche genderqueere Menschen die Herstellung eines Zusammenhangs:

Autismus als Grund für Trans-Identitäten anzuführen schadet nicht nur Transgender-Autisten, aber auch Autisten allgemein und Transmenschen. (…) Man unterstellt Autisten, sie könnten ihr eigenes Geschlecht nicht erkennen.

Auch deshalb kann selbst aus dieser Warte nicht seriös von autismgender gesprochen werden.

Hier ist weitere Forschung genauso notwendig, wie eine adäquate Betreuung der Betroffenen. Aber dennoch gilt: Autismus ist kein Geschlecht oder variable Identität. Richtig ist also: Es gibt genderqueere Autist*innen. Aber es gibt kein autismgender.

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