Sind Autisten gefährlich?

Nein, von Autist*innen geht nicht mehr Gefahr aus als von der Durchschnittsbevölkerung. Studien zeigen, dass diese Angst unbegründet ist. Der Glaube ist einer stereotypen Mediendarstellung geschuldet.

Es gibt keinen Hinweis darauf, dass Autist*innen eine größere Gefahr darstellen als die Durchschnittsbevölkerung (siehe auch Was ist Autismus?)

Sowohl eine Studie von 2016 (“Es gibt keinen Beleg dafür, dass Menschen im Autismus-Spektrum gewalttätiger sind als Menschen außerhalb des Spektrums”) als auch eine Studie von 2014 (“Menschen im Autismus-Spektrum sind nicht überdurchschnittlich kriminell”) ließen keinen Rückschluss darauf zu, dass Autist*innen häufiger zu Gewalt oder kriminellen Handlungen neigen.

Einen Zusammenhang zwischen Gewalt und Autismus wurde in der Öffentlichkeit vor allem durch Berichte zum Sandy Hook-Massaker hergestellt. Nachdem bekannt wurde, dass der Täter im Autismus-Spektrum liegt, war für viele klar: Autismus war der Grund.

Nein, Autisten sind nicht gefährlich

Doch diese Behauptung entbehrt jeder Grundlage: “‘Geschieht eine Straftat, dann meist aus der Situation, aus dem Affekt heraus’, sagt Müller [Chefarzt der Asklepios-Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie in Göttingen]. ‘Natürlich kann man aus einer Tat heraus nicht auf eine Diagnose schließen, aber der Amoklauf von Newtown wäre nicht typisch für Asperger.’ Die Kriminalitätsrate bei Menschen mit autistischen Störungen sei geringer als in der Normalbevölkerung. […] 2008 legten die amerikanischen Psychiater Stewart Newman und Mohammad Ghaziuddin eine Auswertung von Studien zu Gewaltverbrechen und Asperger-Syndrom vor. Sie kamen zu dem Schluss, dass in der überwältigenden Zahl der Fälle die Täter zusätzlich psychisch krank waren oder eine gestörte Persönlichkeit besaßen. Diese zusätzlichen Probleme hätten das Risiko einer Straftat erhöht.”

Auch eine andere Studie kam zu dem ähnlichen Ergebnis, dass bei Menschen im Autismus-Spektrum die gleichen zusätzlichen psychopathologischen Faktoren für Gewalt und Kriminalität verantwortlich waren, wie bei nichtautistischen Personen.

Natürlich wurde auch im Kontext des Sandy Hook-Massakers über Computerspiele und ihren Einfluss gesprochen. Interessanterweise untersuchte eine Studie den Effekt von Gewaltspielen auf Autist*innen. Ergebnis: Die Auswirkungen unterschieden sich nicht von denen auf Nicht-Autist*innen.

Aber woher kommt das Vorurteil, dass Autisten gefährlich seien?

Zwei Faktoren spielen dabei eine Rolle. Zum einen das Stereotyp des gefühlskalten, empathielosen Autisten (siehe auch Ist Autismus eine passende Metapher für emotionale Kälte?). Dabei sind Autist*innen sehr wohl zu Empathie und Emotionalität fähig. Ihnen fehlt allerdings häufig die Fähigkeit, Mimik und Gefühl beim Gegenüber eindeutig “lesen” und entsprechend und angemessen reagieren zu können (siehe auch Was ist die Autismus Spektrum Störung?).

Das allein macht aber noch keinen Killer. Dass die Öffentlichkeit Psycho- und Soziopathie gern mit Autismus gleichsetzt, ist auch einer katastrophalen Berichterstattung geschuldet.

Gleichwohl spielt ein weiterer Faktor eine Rolle. Tatsächlich kann unter jungen Menschen im Autismus-Spektrum aggressives Verhalten vorkommen (wie auch die eingangs erwähnten Studien feststellten). Zwar sei die Gewalt in der Regel auto-aggressiv, also gegen sich selbst gerichtet, könne aber auch in seltenen Fällen gegen das Umfeld gerichtet sein. Gründe dafür seien zum Beispiel Bruch der Routinen, Reizüberflutungen und die Überforderung mit sozialer Kommunikation. Das nennt man einen Meltdown – und der ist zeitlich begrenzt und nie geplant.

Überhaupt: Aus Einzelfällen Allgemeingültigkeit abzuleiten widerspricht wissenschaftlicher Methodik. Wie sämtliche verfügbaren Studien zeigen: Autist*innen sind nicht gefährlicher als die durchschnittliche, neurotypische Bevölkerung .

Autist*innen mögen Risiken nicht

Experten waren sich im Falle des Sandy Hook-Massakers einig: Eine solche Tat war für einen Menschen im Autismus-Spektrum äußerst ungewöhnlich – nicht zuletzt aufgrund des sehr ausgeprägten Gerechtigkeitsempfindens. Autist*innen sind häufig sehr analytische Personen, die die Informationsebene priorisieren. Bevor sie eine Entscheidung treffen oder eine weitreichende Handlung durchführen, ist es nicht unüblich, alle Eventualitäten durchzuspielen und eine ausführliche Risiko-Analyse vorzunehmen.

Ein Amok-Lauf hat für den Täter ein überdurchschnittliches Risiko, also etwas, dass die durchschnittliche Autist*in ungern eingeht. Wie in der Studie von Stewart Newman und Mohammad Ghaziuddin erwähnt, werden bei Gewalttaten von Autist*innen – genau wie bei der Durchschnittsbevölkerung – andere Faktoren als der Autismus die entscheidende Rolle spielen.

Für Autist*innen haben diese Stereotype indes fatale Folgen: “Im schlimmsten Falle entstehen genau durch oben beschriebene Vorurteile und „fachmännische“ Fehlinformationen noch größere Ängste der Lehrkräfte vor der Inklusion von Autisten in Regelschulen. Ängste, die sowieso schon durch mangelnde Information und Ausbildung und der damit verbundenen Überforderung entstehen. Nicht auszudenken, was passieren könnte, wenn diese Panik vor Autismus weiter geschürt wird. Zum einen noch mehr Angst vor Autisten in der Schule, zum anderen mögliche Vorbehalte von Eltern anderer Schüler. Eltern von autistischen Kindern haben es schon unheimlich schwer und müssen für die Rechte ihrer Kinder kämpfen. Soll da noch ein weiterer Widerstand von anderer Stelle hinzukommen? Letztendlich sind stets die Kinder die Leidtragenden.”

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