Bin ich Autist?

Viele Menschen finden sich in der Beschreibung autistischer Merkmale wieder. Aber nur eine fachärztliche Diagnose kann Autismus feststellen. Selbsttests und "Dr. Google" können die Diagnostik nicht ersetzen, die zu empfehlen ist, wenn ein Verdacht vorliegt.

Schwierigkeiten in der sozialen Interaktion, der Wunsch nach Routine, Empfindlichkeit gegenüber Licht und Lärm, Beruhigung durch repetitives Verhalten: Es gibt viele Menschen, die sich mit den häufigsten Verhaltenszügen des Autismus identifizieren können (siehe auch Was ist Autismus?). Darüber hinaus ist es nicht ungewöhnlich, dass auch Nicht-Autist*innen hohe Werte erzielen in den einschlägigen Tests, die im Internet verfügbar sind.

Eine Selbstdiagnose ersetzt allerdings nicht die Diagnose eines Facharztes. Autismus (z.B. F84.5 nach ICD-10) wird in der Regel festgestellt, wenn die alltägliche Funktionsfähigkeit der Person durch die Verhaltenszüge signifikant eingeschränkt ist und der Mensch darunter leidet – auch dann, wenn die Person die Barrieren kompensiert und sein Autismus für andere “unsichtbar” ist (siehe auch Sind Autisten geistig behindert?)

Es gibt gute Gründe, eine fachärztliche Diagnostik zu Rate zu ziehen

Manche autistische Symptome überschneiden sich mit denen anderer Diagnosen – ist man auf der Suche nach Hilfe, ist es unabdingbar, von der richtigen Ursache auszugehen.

Auch die Komorbiditäten einiger Krankheiten können Symptome aufweisen, die für ein ungeübtes Auge mit autistischen Zügen zu verwechseln sind – hier gilt es, eine Fehlerquelle auszuschließen und die richtige Behandlung zu erhalten.

Das gleiche gilt für die Differentialdiagnosen. Autistische Verhaltensweisen können auch zum Beispiel bei ADHS, Mutismus, Klinefelter und verschiedenen Zwangserkrankungen auftreten und müssen von Autismus abgegrenzt werden.

Wenn der Verdacht vorliegt, ist eine Diagnostik empfehlenswert. Der Befund selbst ist nur der Anfang eines Weges, einer Entdeckungsreise, die schmerzvoll, aber gleichzeitig lohnenswert ist: Man lernt sich selbst völlig neu kennen, muss Dinge neu ordnen, Weltbilder und Lebensmodelle hinterfragen. Im Idealfall geht man diesen Weg in Begleitung einer oder eines kompetenten Therapeuten.

Zuguterletzt sollte man ehrlich und selbstkritisch die eigene Motivation hinterfragen.

“Suche ich aufrichtig Hilfe oder möchte ich gerne Autist sein?”

Letzteres ist leider sehr verbreitet. Autismus betrachten viele als Modekrankheit, nicht zuletzt durch prominente Figuren wie Steve Jobs, Bill Gates oder auch Sheldon Cooper, denen man Autismus fremd diagnostiziert (siehe auch War “Rain Man” Autist?).

Es ist verständlich, dass Menschen irgendwo dazu gehören wollen. Autismus für diesen Zweck zu missbrauchen ist aber falsch.

Die hohe Zahl an selbstdiagnostizierten Autist*innen hat in den letzten Jahren auch dazu geführt, dass man Autismus weniger ernst nimmt (mehr zu den Chancen und Risiken der Selbstdiagnose hier).

Aber wie jeder Autist bestätigen wird, ist Autismus nicht ein cooler Club, in dem man gerne ist. Im Gegenteil: Autismus schränkt das Alltagsleben ein, stellt einen vor Hürden in einer nicht barrierefreien, autismusfreundlichen Umwelt. Autist ist man von der Geburt bis zum Tode, mit allen Kämpfen und Herausforderungen, die die Diagnose mit sich bringt.

Autismus ist kein cooler Club

Wir Autist*innen sind um Akzeptanz bemüht, wollen ein Bewusstsein schaffen für unsere Wünsche und kämpfen um Inklusion – aber wir verklären Autismus nicht. Es ist nicht unser Wunsch, Autist*innen zu sein, und es ist nicht cool.

Die Antwort auf die Frage, ob du Autist*in bist, kann daher nur der Befund einer fachärztlichen Diagnostik bringen. Bitte wende dich an deinen Hausarzt oder die örtliche psychotherapeutische Ambulanz, wenn du den Verdacht hast.

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