Autismus in den Medien: Eine passende Metapher?

Autismus wird in den Medien immer wieder als Metapher für Empathielosigkeit, Versagen und mangelndes Denkvermögen verwendet. Diese Darstellung ist falsch. Sie schürt Vorurteile und stellt einen rhetorischen Offenbarungseid dar.

Es gibt äußerst erfolgreiche Autist*innen im Berufsleben, Autist*innen in glücklichen Beziehungen, es gibt sogar autistische Comedians. Man könnte fast den Eindruck bekommen, Autisten seien Menschen. Das war Ironie. Ja, wir Autist*innen können das durchaus.

Aber sowohl in den Medien als auch in öffentlichen Diskussionen (egal ob TV oder Social Media, Politik, Presse oder Wähler) müssen Autist*innen und der Autismus an sich regelmäßig dann als Metapher herhalten, wenn die kommentierende Person in ihrem Wortschatz keinen anderen Begriff für emotionale Kälte und Unvermögen findet – und zwar quer durch das politische Spektrum.

Autismus ist für Politiker und Journalisten ein Kampfbegriff

Es gibt unzählige Beispiele für Fälle, in denen Autist*innen und Autismus als Kampfbegriff dienen müssen, wenn Menschen, vor allem Politiker und Journalisten, mit dem Versuch überfordert sind, Unvermögen oder Empathielosigkeit zu beschreiben. Vor allem dann, wenn es um die gefühlte Gefühlskälte von oberflächlich intelligenten Menschen wie Politikern geht. Die Google-Suchmaske zum Beispiel autovervollständigt die Phrase “Sind Autisten” mit “gefährlich / dumm / behindert / aggressiv”. Diese Tendenz bestätigte Erika Drezner, Vertreterin einer Autismus-Organisation, gegenüber Mashable:

Was wir derzeit in Bezug auf das Autismus-Spektrum beobachten ist der Trend, Autismus als Metapher zu verwenden. Bezeichnet man jemanden als Autist, so ist er nerdy, smart und nicht besonders talentiert, was soziale Umgangsformen angeht.

Wie man den Beispielen entnehmen kann, ist das noch eine harmlose Umschreibung.

Eine beliebte, aber unsinnige Ausrede: War ja nicht so gemeint, auf keinen Fall als Diagnose, eher sprichwörtlich. Nicht selten kommt eine solche Ausrede ausgerechnet von Menschen, die äußerst empfindlich auf pauschalisierende Kampfbegriffe wie Lügenpresse oder Mainstreammedien reagieren. Selten kommt es vor, dass ein Medium so vorbildlich reagiert, wie zuletzt Cicero, und sich entschuldigt.

Journalist*innen und Politiker*innen empfehlen wir daher, vor der Verwendung der Autismus-Metapher kurz innezuhalten und sich mit folgenden Fragen auseinanderzusetzen: Was ist Autismus? Ist Autismus eine geistige Behinderung? Ist Autismus eine Krankheit? Bin ich vielleicht Stereotypen aufgesessen? (siehe auch Was ist das Geek-Syndrom? oder War “Rain Man” Autist?).

Im Folgenden eine Zusammenfassung, weshalb die Autismus-Metapher so falsch, wie abwertend ist

Autist*innen sind laut gängiger medialer Darstellung “gefühlskalt… emotional unterentwickelt… krankhaft ichbezogen”. Tatsächlich ist häufig das Gegenteil der Fall.

Ein Merkmal des Autismus ist eine Abweichung in der Wahrnehmungsverarbeitung. Vereinfacht ausgedrückt bedeutet es, dass Autist*innen ein Filter für innerliche und äußerliche Reize fehlt, so dass sowohl Lärm als auch Emotionen ungefiltert auf uns einprasseln.

Es ist also mitnichten so, dass Autist*innen nichts empfinden – sie empfinden im Zweifel zu viel. Das kann zu einem Overload führen, und manche Autist*innen kompensieren diese Überlastung, indem sie sich vorübergehend zurückziehen.

Darüber hinaus verständigen sich Autist*innen bevorzugt auf der Informationsebene. Durch den fehlenden Reizfilter sind Emotionen noch mehrdeutiger, als bei neurotypischen Menschen ohnehin schon der Fall. So mag es vereinzelt wirken, als gehe ein Autist gefühllos an ein Thema ran – tatsächlich halten sich viele Autist*innen einfach lieber an greifbare Fakten.

Auch die unterstellte Ichbezogenheit bzw. das mangelnde soziale Interesse entspricht nicht der Realität. Ein Großteil der Autist*innen sucht die Nähe zu anderen Menschen. Leider haben Autist*innen häufig Probleme in der Verständigung mit neurotypischen Menschen, ihnen fehlt sozusagen die Intuition in der sozialen Interaktion. Daraus aber Narzissmus und Soziopathie abzuleiten – eine Pathologisierung, die bei der Verwendung von Autismus als Metapher häufig implizit mitschwingt – ist falsch und entmenschlichend.

Als Autist*innen können wir nur immer wieder an die Medien appellieren: Bitte verwendet Autismus nicht als Metapher für politisches und anderes Versagen . Es schürt Vorurteile und benachteiligt Autist*innen im Berufs- und Privatleben. Eine Pathologisierung hat im politischen Diskurs nichts verloren. Und wir haben einfach keine Lust, für euren begrenzten Wortschatz geradestehen zu müssen.

Ja, das war Sarkasmus. Das können wir auch. Surprise.

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